
| Filmbesprechung |
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| Filmemacher |
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| 08.11.2005 09:48 |
| «Wir sehen Cottbus als eine Chance» |
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| Für „Mephisto“ hat er 1982 einen Oscar erhalten. Das verschaffte ihm internationalen Ruhm und machte ihn zu einem der berühmtesten Regisseure Europas. Seit nunmehr fünf Jahren ist István Szabó Ehrenpräsident des Cottbuser FilmFestivals. Er engagiert sich als internationaler Botschafter und Förderer des osteuropäischen Kinos. Als Dank erhält der 67-jährige Ungar während des Festivals, das heute beginnt, die erstmals vergebene „Ehren-Lubina“. |
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«Meine Filme sollen den Menschen helfen, Vorurteile abzubauen, Kräfte zu sammeln und weiterleben zu können.» |
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Herr Szabó, in diesem Jahr ist Ungarn das Schwerpunktland beim Cottbuser Festival des osteuropäischen Films. Welche Bedeutung hat dieses Filmfestival für Sie« Seitdem die jungen ungarischen Filmemacher dort so viel Erfolg haben, haben wir gelernt, dort präsent zu sein. Wir ungarischen Regisseure sehen Cottbus als eine Chance, uns einem breiten Publikum vorzustellen und von ihm wahrgenommen zu werden.
Sie haben in den 60-er Jahren als junger Regisseur im damals neu gegründeten Béla-Balázs-Studio Kurzfilme gedreht. Das Studio war staatlich finanziert, wurde aber trotzdem von den Mitgliedern selbst verwaltet. Können Sie die Arbeitsatmosphäre dort beschreiben» Wir, die Studenten von Félix Máriássy, waren damals insgesamt 15 klassisch ausgebildete Dramaturgen, Kameraleute, Cutter und Regisseure. Wir wussten, dass es uns als 22- oder 23-Jährige zunächst nicht möglich sein würde, Spielfilme zu drehen. Allen war klar, zuerst müssen wir uns, wie üblich, etwa zehn Jahre als Assistenten hocharbeiten. Also haben wir mit einem lächerlichen Budget angefangen, Kurzfilme zu drehen. Zu unseren dramaturgischen Sitzungen haben wir oft Kunsthistoriker oder Psychologen eingeladen oder einfach nur Menschen, die uns etwas geben konnten. Mit ihnen haben wir dann von mittags bis Mitternacht diskutiert. Aber auch untereinander waren wir sehr streng miteinander: Als ich meinen Kollegen, meinen Freunden und Kommilitonen mein erstes Drehbuch vorstellen sollte, habe ich gezittert.
Der Erfolg hat aber nicht lange auf sich warten lassen. Plötzlich fanden wir uns auf der internationalen Bühne wieder und wurden ausgezeichnet wie beispielsweise Sándor Sára für seinen Film „Die Zigeuner“. So haben wir viel früher, als wir es uns jemals erträumt hätten, die Gelegenheit bekommen, unsere ersten Spielfilme zu drehen.
In der Zeit zwischen 1963 und 1964 hat sich Ungarn kulturpolitisch liberalisiert. Wie viel freier waren Sie als in anderen Ostblockstaaten« Unsere Politiker wollten durch die Liberalisierung zeigen, dass die Diktatur in Ungarn nicht so schwer wiegt wie in anderen Ländern. So begann die Zeit des „Gulaschkommunismus“. Und wir konnten das Regime wirklich mit einer gewissen Freiheit kritisieren. Ich will nicht behaupten, dass wir keine Probleme mit den staatlichen Autoritäten bekamen oder einige unserer Filme keine Zensurprobleme hatten, aber wir konnten uns durchsetzen. Für uns war es nicht nur wichtig, kreativ und phantasievoll zu sein, sondern auch Verantwortung zu tragen. Wir haben im Namen aller Mitglieder und im Namen der jungen ungarischen Zuschauer gesprochen.
Damals erlebte der ungarische Film ein „goldenes Zeitalter“. Ja, mit unseren Kurzfilmen haben wir älteren Filmemachern gezeigt, dass auch sie es sich erlauben können, freier zu sprechen. Die Atmosphäre dieser Zeit inspirierte die damals schon erfahrenen Regisseure zu ihren besten Werken.
Würden Sie sagen, dass es damals einen gemeinsamen Stil gab» Ja, erstens kritisierten sie alle ganz deutlich das Regime. Die Filme hatten das Menschliche zum Thema und kämpften damit gegen den ideologischen Druck. Zweitens hatten diese Filme eine gemeinsame Ausdrucksweise gefunden. Sie alle bedienten sich der „Blumensprache“. Mit Hilfe dieser poetischen Kunstsprache konnten sie die Verhältnisse ziemlich offen kritisieren. Auch ließen sie ihre Werke beispielsweise im 19. Jahrhundert oder 40 Jahre früher spielen.
Der ungarische Gegenwartsfilm steht nicht in dieser Tradition. Woran liegt das« Das liegt vor allem daran, dass die meisten ungarischen Gegenwartsproduktionen nichts mit gesellschaftlichen und sozialen Problemen zu tun haben. Die meisten jungen ungarischen Filmemacher wollen nicht über Probleme sprechen. Heute spüren sie wohl nicht mehr den Zwang, den wir verspürten, zu kämpfen und unsere Meinung zu sagen. Indem sie sich aber aus der Politik raushalten, demonstrieren sie auch eine bestimmte politische Haltung. Allerdings glaube ich, dass das Ganze ein globales und kein ungarisches Phänomen ist.
In manchen mitteleuropäischen Ländern wie beispielsweise Tschechien erreichen einheimische Produktionen traumhafte Marktanteile zwischen 20 und 30 Prozent. In Ungarn ist diese Quote verschwindend gering. Was ist der Grund» Im letzten Jahr ist die Zuschauerzahl ein bisschen gestiegen und das ist ein gutes Zeichen. Ich glaube nach 1989 waren die Leute einfach nicht an den Werken interessiert, die in Ungarn produziert wurden. Das lag teilweise auch an den Filmen. Sie waren oft elitär und ausschließlich zur Selbstbefriedigung der Regisseure gedreht. Und wer schaut sich so etwas schon gerne an«
Könnten Sie so einen Film als Beispiel nennen» Könnte ich, aber will ich nicht.
Haben Kinofilme es in Ungarn generell schwer, auch Blockbuster« Nein. Vor allem bei den jungen Ungarn sind Popkornfilme sehr beliebt. Allerdings geht ein Großteil der jungen Leute nur ins Kino, um sich zu treffen und gemeinsam etwas zu unternehmen. Und zwar mit den Menschen, die sich ähnlich kleiden wie sie und ähnliche Interessen haben. Sie trinken erst Bier oder Cola und wenn es ihnen zu langweilig wird, gehen sie eben ins Kino. In einem dunklen Saal machen sie dann, was man da so machen kann. Der Film ist für sie meist nur eine Nebensache.
Sie haben viele Auszeichnungen erhalten, wie 1982 einen Oscar für «Mephisto» und weitere europäische Filmpreise. Verändern solche Auszeichnungen Ihre Arbeit» Nein, denn kein Preis findet die nächste Kamera-Einstellung und er kann auch nicht mit den Schauspielern reden. Es ist ein Glück, ein solcher Preis, denn er hilft manchmal, das Interesse beim Zuschauer zu wecken. Aber wer meint, dass er wegen eines Preises besser ist als jemand anderes, den kann man vergessen.
Der eigentliche Hauptdarsteller Ihrer Filme scheint die Historie zu sein. Woher kommt Ihr großes Interesse für Geschichte« In der Zeit, in der ich gelebt habe, spürten wir ständig den Druck der Geschichte, der Politik, der Ideologie. Wir sollten damals unser Leben ändern und man wollte uns sogar in unser Privatleben reinreden. Wir sollten leben, wie die Ideologie es vorschrieb. Dieser unheimliche Druck hat uns nie losgelassen. Unsere Geschichte ist die der Schwierigkeiten, die uns die Politik bereitet hat.
Und Sie zeigen den Zuschauern in Ihren Filmen im besten Fall einen Ausweg» Meine Filme sollen den Menschen helfen, Vorurteile abzubauen, Kräfte zu sammeln und weiterleben zu können. Ich habe viele Filme gesehen, die mir dabei geholfen haben, weiter zu leben, wie die Werke von Bergmann, Fellini, Visconti, Truffaut oder Kurosawa. Jeder einzelne dieser Regisseure hat einen ganz bestimmten Film gemacht, der mein Leben in einem ganz bestimmten Punkt verändert hat. Was das ist, möchte ich nicht verraten. Das ist zu privat.
1992 haben Sie als einer der wenigen ungarischen Regisseure in dem Film „Süße Emma, liebe Böbe“ – einem Film über zwei Russischlehrerinnen im postsozialistischen Budapest – die politischen Umwälzungen von 1989 verarbeitet. Und mit diesem Film dann viele Leute wahnsinnig aufgeregt. Ich glaube, diese Vorgänge aus der jüngsten ungarischen Geschichte reichen immer noch zu nah an die Gegenwart heran. Die Gesellschaft ist noch nicht aufrichtig genug, um sich damit auseinander zu setzen. Jeder spielt jetzt einfach eine Rolle. Was die Vergangenheit betrifft, leidet die ganze ungarische Gesellschaft unter einer Amnesie.
Gibt es in Ungarn auch eine Art der Vergangenheitsverherrlichung wie die so genannte Ostalgie in Deutschland« Ja, aber ich glaube, die gibt es in allen ehemaligen Ostblockländern. Wir haben durch die Demokratisierung einen gewissen Grad an Freiheit gewonnen und dabei aber Sicherheit verloren. In der Diktatur gab es zwar keine Freiheit, aber der ungarische «Gulaschkommunismus» hat den kleinen Leuten Arbeit und Sicherheit gegeben. Ich glaube auch nicht, dass die meisten Menschen die Diktatur wiederhaben wollen, sie wollen einfach nur mehr Sicherheit in ihrem Leben.
Kritiker sehen seit den 90-er Jahren einen fortschreitenden Niedergang der ungarischen Filmkultur. Sehen Sie das auch so und was ist der Grund dafür» Ja, seit den 90-er Jahren hat der ungarische Film einen Tiefflug erlebt. Es fehlten Geld, Themen und eine gemeinsame Sprache. Denn die ehemalige Blumensprache funktionierte nicht mehr. Damals reichte ein Satz wie „übers Land fliegen dunkle Wolken“ und jeder wusste, dass wir damit etwas politisch kritisieren wollen. Wenn die Leute heute so einen Satz hören, fragen sie höchstens, ob sie einen Regenmantel anziehen sollen. Wir müssen heute lernen, uns klar und deutlich auszudrücken, statt in poetischen Bildern, aber das ist nicht so einfach. Außerdem hat das Publikum heute viel mehr Auswahl: Es gibt Kabelfernsehen mit über 50 Kanälen und überall werden amerikanische Filme gezeigt. Hinzu kommt ein großer Generationswechsel. Die heutigen Zuschauer sind Menschen zwischen 15 und 23 und brauchen andere Filme, als wir sie erzählen.
Was macht für Sie einen typisch ungarischen Film aus« Bisher war es typisch, dass sich ein ungarischer Film gesellschaftlichen, historischen oder politischen Themen widmet, sich mit Menschen und deren Geschichte beschäftigt. Die jungen Filmemacher befassen sich allerdings nicht mehr damit. Es muss ja auch nicht sein, dass sie es so machen, wie wir es getan haben. Aber ich als Kinogänger möchte für die Karte, die ich gekauft habe und für mein Interesse und meine Zeit, einen Film sehen, der mich persönlich berührt und mich bereichert.
Wie bewerten Sie die Arbeiten junger ungarischer Regisseure wie Nimród Antal ( «Kontrolle» ) oder Ferenc Török ( «Saison» )» Ich finde die genannten Filme sehr gut und beide Regisseure sehr begabt. In Ungarn gibt es fünf bis sechs sehr begabte Nachwuchsfilmemacher.
Sehen Sie bei den Nachwuchsregisseuren einen gemeinsamen Stil« Nein, die ungarischen Nachwuchsregisseure bilden keine einheitliche Gruppe. Sie sind alle Einzelgänger, die bestenfalls nebeneinanderher laufen, im schlimmsten Falle aber auseinander.
Hat der EU-Beitritt Ungarns hinsichtlich der Filmproduktion etwas verändert» Ein eindeutiges Ja, weil wir jetzt problemlos an EU-geförderten Medienprogrammen teilnehmen können.
Macht es einen Unterschied, ob Sie ihre Filme in Ungarn mit einem einheimischen Team oder irgendwo in Europa mit einer zusammengewürfelten Filmcrew drehen« Bis auf einen Film, „Taking sides“ habe ich immer alle meine Filme in Budapest gedreht. Ich arbeite seit 25 Jahren immer mit denselben wundervollen, begabten Menschen. Wenn ich komme, muss ich höchstens ein bisschen Ruhe schaffen, damit sie dann ganz entspannt arbeiten können.
An welchem Projekt arbeiten Sie gerade» An einer Romanverfilmung des klassischen Romans von Zsigmond Móricz „Rokonok“.
Mit ISTVÁN SZABÓ sprach Barbara Breuer |
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